Pressestimmen

Neue Artothek-Ausstellung im Ansbacher Kunsthaus Reitbahn 3

Bilder und Objekte- zum Mieten

Arbeiten von 16 Kunstschaffenden - Mehr als 40 Prozent der Werke werden entliehen .

ANSBACH - 45 Arbeiten von 16 Künstlern sind derzeit im Ansbacher Kunsthaus Reitbahn 3 zu sehen. Das Besondere dabei: Die Bilder und Objekte können ausgeliehen werden.

Wie berichtet, gehört zum Kunsthaus Reitbahn 3 eine Artothek, die es ermöglicht, Werke verschiedener Kunstschaffender gegen einen geringen Betrag mehrere Monate lang "anzumieten", um so die eigene Wohnung oder den Arbeitsplatz mit Kunst zu schmücken. "Die Mietquote liegt durchschnittlich bei über 40 Prozent der ausgestellten Objekte", erklärt Burkhard Baumann, der Vorsitzende des Ansbacher Kulturvereins "Speckdrumm". Die Artothek sei "für die Künstler und Einwohner gleichermaßen eine wichtige Kontaktbörse in der Region". Zu entdecken sind in der aktuellen Artothek- Ausstellung eine Reihe großformatiger Arbeiten, passend für nicht allzu kleine Räume. Die Malerin Erika Itta hat sich zum Beispiel in drei Bildern mit verschiedenfarbigen Gesteinsformationen beschäftigt. Hanne Schiffers' "Bassspielerin" in Schwarz und Weiß bleibt nah am Gegenstand, während Helga Heider in ihrer "Utopie" freie Formenspiele entwickelt hat. Volkmar Schlarp verbindet in seiner s Skulptur "Luna" raues Holz mit rundem Goldglanz. Ilse Feiner dagegen setzt in ihrem Bild "ausgegrenzt" eine silhouettenhafte Figur in Grau gegen drei Gestalten in verschiedenen Rot- und Rosatönen.
Die Ausstellung dauert bis 31. August, geöffnet ist sie Donnerstag und Freitag von 11 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr sowie Sonntag von 14 bis 16 Uhr. Zu den Mietbedingungen gibt es Informationen im Kunsthaus Reitbahn 3. Abgeholt werden können die ausgeliehenen Arbeiten am Sonntag, 31. August, zwischen 16 und 17 Uhr. L.H.
artothek
"Utopie" von Helga Heider
Foto: Hausleitner
Zeichnungen von Georg Kleber im Kunsthaus Reitbahn3

Spuren der Bewegung

Linien verdichten sich zu Formen und menschlicher Figur

ANSBACH -"Was soll das denn sein?"-"Ich kann da nichts erkennen." -"Das sind doch nur Kritzeleien wie von einem Kind." -"Der Künstler weiß wohl nicht, was er malen will, deshalb malt er alles Mögliche übereinander."-"Das sind Boote." -"Das ist wahrscheinlich die Südost-Tangente, und da ist das Ansbecher Kneippbad." "Das ist ein Surfbrettsegel." -"Die nackte Frau gefällt mir ganz gut." ­"Ich finde, Kunst sollte sich selbst erklären, und das tut das hier nicht." ­"Da sind tolle Sachen dabei." -"Es wäre schön, auch frühere Arbeiten des Künstlers zu sehen, so dass man eine Entwicklung erkennen könnte."
Sehr unterschiedlich fallen die Bemerkungen der Besucher in der aktuellen Ausstellung im Ansbacher Kunsthaus Reitbahn3 aus -was bei moderner Kunst freilich nicht ungewöhnlich ist. Manche fühlen sich angesprochen von den Zeichnungen und Radierungen und fangen an fröhlich zu interpretieren. Andere fühlen sich alleingelassen mit den vielen Kritzeln und Schnörkeln, die sich manchmal verdichten zu abstrakten Flächen, manchmal zu eindeutig erkennbaren Gegenständen, oft zur menschlichen Figur. Titel hätten sich einige Betrachter gewünscht, um daran abzulesen, was denn der Künstler sagen will mit seinen Bildern.
Aber Titel gibt der in Rehling bei Augsburg lebende Georg Kleber seinen Arbeiten bewusst nicht, damit der Betrachter seine Freiheit nicht verliert: die Freiheit, ganz allein zu interpretieren und zu sehen, was er sehen möchte. Boote? Klar. Menschen, sitzende, gebeugte, beladene, mit überlangen Gliedmaßen oder auch mit einem Holzbein? Klar, wer die entdecken möchte, darf. Die Ansbacher Südost-Tangente? Die kennt der Künstler zwar vermutlich gar nicht, doch auch sie zu sehen soll der Ausstellungsbesucher alle Freiheit haben.
Georg Kleber zeichnet aufbeschichtete Pappe, Vlies, Seidenpapier oder Japanpapier. Ein Bild entsteht bei ihm in mehreren, oft vielen Arbeitschritten. Zunächst hält er mit feinen Strichen fest, noch ohne kompositorische Absicht, was ihm eben in den Sinn kommt, was er gerade sieht. Einen Gegenstand in seiner Wohnung, ein herumliegendes Spielzeug seines Sohnes etwa, oder einen Eindruck, gewonnen aus einer Meldung in der Zeitung, im Radio, Auf diesen spontanen Impuls folge in einer nächsten Ebene eine "Verdichtung durch stärkere Linien", wie Georg Kleber schildert. "Durch diese Verdichtung entstehen Bezüge untereinander" -die Linien fügen sich zu Formen zusammen, häufig zu jenen menschlichen Figuren.
Spontan und spielerisch
Georg Kleber personifiziert also die Linien. Er "vermenschlicht" die Aktionen, die sich zunächst zwischen diesen Linien und den daraus gebildeten Formen abspielen. Er geht nicht, wie viele andere Künstler, vom Menschen aus, um diesen dann zu abstrahieren. Sein Ausgangspunkt ist stattdessen der spontane zeichnerische Fluss, ein spielerisches Tasten und Erkunden, das am Ende oft zurückführt zu Mensch und Gegenstand. Obwohl manche Arbeiten malerisch wirken, weil sich die Linien zu besonders festen Formen in verschiedenen Farben verknäuelt und verwickelt ha­ben haben und häufig der gesamte Malgrund farbig gestaltet ist, versteht sich Georg Kleber ganz und gar als Zeichner. Denn Farbklang und Harmonie sind ihm nicht wichtig, die Farbe dient vielmehr dazu, die verschiedenen zeichnerischen Ebenen voneinander abzutrennen. Seine Zeichnungen, sagt Kleber, seien dem Tanz näher als der Malerei. "Die Spur der Bewegung und die Dynamik" interessieren ihn mehr als jeder Farbklang. Bis zu zehn zeichnerische Ebenen legt der Künstler übereinander, teils lasierend, so dass die unteren Schichten bis zum Ende durchscheinen. Auch Textfetzen schimmern durch, persönliche Gedanken und Bemerkungen des Zeichners, die jedoch nicht mehr zu entziffern sind, wenn eine Arbeit fertig ist. Denn Worte im Bild sollen bei Kleber ebenfalls nur rätselhafte Chiffren sein, damit der Betrachter nicht gelenkt wird bei seiner Interpretation. Die Assoziationen des Betrachters sollen nicht behindert werden durch eine semantische Vorgabe, Sprache ist nichts als Linienführung und Struktur.
"Emotion" ist das Ziel
Nicht "Perfektion" sei sein Ziel, sagt Kleber, sondern "Emotion". Ein Bild. sei fertig, wenn es Emotionen in ihm wecke. Das kann nach drei zeichnerischen Ebenen sein oder eben erstnach zehn. Meist arbeitet der Künstler, der seit 1990 an einigen Universitäten und Akademien Lehraufträge hat, an mehreren Bildern gleichzeitig. Die Reihe, die an der nördlichen Wand in der Reitbahn zu sehen ist, entstand parallel: Alle Vliese wurden zunächst mit den assoziativ-spielerischen feinen Bleistiftlinien bedeckt, wuchsen dann Schicht um Schicht heran, wobei die faserigen, saugenden Vlies-Oberflächen den mit dem Pinsel ausgeführten Linien Struktur gaben. Auf der beschichteten Pappe kommen Strukturen zustande, indem Kleber in den Malgrund ritzt wie bei der Kaltnadelradierung, dann Farbe aufträgt und diese wieder wegwischt. Nur in den Rillen bleibt die Farbe kräftig, während sie auf den glatten Flächen eine Tönung in verschiedenen Schattierungen bildet: Die Pappen sind also nicht grundiert, sondern überzogen mit den Resten abgewischter, vergangener Linien. Das auffälligste Bild in der Ausstellung ist mehr als sieben Meter lang und hat für Georg Kleber mit den Tempelfriesen der Antike zu tun. Ruderboote, ein immer wiederkehrendes Motiv bei ihm, verklammern hier die Komposition. Man kann die Zeichnungen mit ihren sonderbaren Knotenpunkten, den Sprachstrukturen und Verknüpfungen, die sich zum Beispiel als überlängtes Menschenbein oder gebücktes schwarzes Wesen über die Fläche tasten, mögen oder nicht. Man kann darin die nackten Frauen, einen Mann auf einem Thron und einen im Staub, ein Holzbein, die Südwest-Tangente, das Kneippbad -vielleicht mit einem Ruderboot im flachen Wasser? -oder gar nichts sehen. Sich über die Kritzeleien lustig machen oder sich mit ernstem kunstkennerischen Blick und wissendem Nicken in die Werke tief versenken. Der Zeichner lässt jedem seine Freiheit. Das auf jeden Fall ist spannend.
Lara Hausleitner